Carola aus Marbella      

 Bubi - meine Venezuela-Amazone    (September 2001)  

Ich war ein süßes, kleines Vogelbaby, als  ich über ein großes Meer aus meiner Heimat nach Spanien verschleppt wurde. Die Reise war grausig lang und mir war kalt; meine Geschwister, meine Mama und mein Papa waren nicht da und ich hatte große Angst!

Der Matrose, der mich in seiner riesigen Hand herumschleppte, gab mich eines Tages in einer schmutzigen Wellblechbude ab. Das war im Hafen von Las Palmas de Gran Canaria, wo er Station machte. Für lausige 3.000 Ptas gab er mich her und ich wurde in einen kleinen Käfig gesteckt. Es stank erbärmlich in der Hütte, um mich herum waren lauter komische Vögel, kein Piep klang heimisch. Ich bekam Bananenbrei und Orangensaft, da ich keine "Pipas" (Sonnenblumenkerne) fressen konnte. Ach, ich arme kleine Venezuela-Amazone!!!

Es kam mir ewig vor, bevor eines Tages ein junges Paar kam und mich für 6.000 Ptas incl. eines Kanarienbauers kaufte. Sie schienen ganz nett zu sein. Ich bekam ein Zuhause, ein großes Bauer, wurde mit Obst und Brei gefüttert, in einer komischen Sprache liebkost, wurde nachts mit einer Decke zugedeckt und fing an, weniger Angst zu haben. Heimweh und Sehnsucht nach meiner Familie hatte ich aber immer noch.

Von den 3 Leutchen, die jetzt um mich waren, suchte ich mir die 2 Frauen aus. Die Ältere versuchte mich an das Draußensein zu gewöhnen und bald stieg ich ihr auf die Hand und dann auf die Schulter. Meine ersten Worte in dieser komischen Sprache lernte ich schnell, und bald merkte ich, dass es jedesmal ein Erfolg war, wenn ich was sagte, auch wenn ich nicht recht wusste, was. 

Die Jüngere war mir eher ein Spielgefährte, sie war recht witzig, kraulte mich und ich legte mich auf den Rücken, damit sie mit meinen Krallen spielte. Da sie die Ältere oft laut mit "Mama" rief, tat ich das auch bald, nur kam dann nicht die Mama, es kam Gelächter, das ist heute noch so!

Mit der Zeit zog ich um - Gott sei Dank - denn die Hunde im Haus mochte ich gar nicht, sie waren neugierig und groß, und ich zwickte sie in die Nase, damit sie mich in Ruhe ließen. Auch konnte ich sie mir vom Halse halten, indem ich Frauchens Stimme nachahmte wenn sie sie verscheuchte, indem ich "weg" schrie. Auch dieses Wort hat sich bis heute in vielen Situationen bewährt.

Der Mann der jüngeren Frau, die jetzt mein Frauchen war, war mir zu laut und zu grob. Immer musste ich dabei, wenn ich ihn sah, an den Matrosen denken! Obwohl der Mann jahrelang versuchte meine Freundschaft zu gewinnen, mich fütterte und bequatschte, hab ich es einfach nicht über mich gebracht, ihm nahe zu kommen.

Viele leckere Dinge wie Pommes Frites, Kartoffelbrei und Fleisch, Hühnerbeine zum Abnagen und Spaghetti sind zu meinen Lieblingsspeisen geworden. Ich sehe gern mit Frauchen auf der Couch fern und im Winter krieche ich bei ihr unter die Decke und wir spielen "Krieg und Frieden."

Mittlerweile sind wir wieder umgezogen, ans Festland Spanien, ich bin sogar im Flugzeug geflogen und der Kapitän hat mich am Flughafen persönlich wieder an Frauchen übergeben. Seither fahre ich für mein Leben gern Auto, man sieht so viel und kann ungefragt ´ne Menge erzählen.

Jetzt bin ich schon 18 Jahre alt, spiele gerne mit meinen Holzspielzeugen weil man einfach was "arbeiten" muss, habe mir angewöhnt bei Tisch unverschämt zu betteln und wünsche mir nur manchmal einen Partner. Aber das wird wohl wie bei Frauchen sein, die mittlerweile auch alleine ist, wir sind wohl beide zu alt, um noch jemanden zu akzeptieren. Ich habe keine große Voliere wie viele meiner Kumpels in Deutschland, Frauchen wohnt eben auch in einem kleinen Bauer. Aber ich darf jeden Abend raus und auf der Couch rumkrabbeln, wo ich mich hinter den Kissen verstecke und Höhlen baue. Mittlerweile radebreche ich in 3 Sprachen, damit ich auch unserer Spanischen Putzfrau auf die Nerven gehen kann, da springt dann immer ein Nüsschen raus. Ich bin zufrieden, und wünsche mir noch viele Jahre mit Frauchen, und sie sich mit mir.....

und weiter geht's ...

Ich gehe auf Reisen / Teil I  / Vorbereitungen (März 2006)

Liebe Geiergemeinde,  

wer hätte gedacht, dass ich nach all den Jahren wieder einen Umzug in Angriff nehmen müsste ... ich sicher nicht.

Meine Futterspenderin hat sich aber vergesellschaftet. Dieser Mensch und Nussknacker wohnt in einem Land wo die Berge hoch, der Winter kalt und die Leute seltsam sind. In Österreich. 

Als weitgereister und weltgewandter Geier bin ich selbstverständlich bereit für das Glück meiner Chefin zu sorgen. Hoffe ja selbst, noch mal vergesellschaftet zu werden *grins* Leider aber sooo weit weg von Sonne und Lebensstil in Spanien, na, das wird was werden.

Schon seit Wochen geht mir hier meine Gemütlichkeit ab. Morgens bekomme ich nur noch schnell einen Buttertoast, mein Obst, und weg ist sie ... auf dem Weg irgendwohin, irgendetwas zu besorgen. Hier stehen Kartons rum, halbgepackt mit wunderbar knisterndem Zeitungspapier, aber ich darf nicht rein um den Inhalt zu untersuchen. Alle Schränke leeren sich. Nachmittags schlafe ich normalerweise auf meinem Baum eine Siesta, mit der Chefin auf dem Sofa darunter. Neuerdings aber immer seltener, da sie andauernd irgendwas ein- aus- und umpackt zu den unmöglichsten Zeiten.  

Der Hammer traf mich sozusagen, als ich vor kurzem zu einem Tierarzt geschleppt wurde. Da ich weder Ring noch sonstwas besitze muss ich in diesen harten Zeiten der Vogelgrippe plötzlich einen Chip eingepflanzt bekommen. Normalerweise werden Vögel wohl in den Nacken gechipt, wie ich mich im Internet schlau machte. Als ich in diesem Vorzimmer auf den Halbgott in Weiß warte, fällt mir mal wieder auf, was für Jammerlappen Hunde doch sind. Zitternd, jaulend und sogar starr vor Angst werden sie behandelt um gesund zu werden. Ihre Besitzer hocken nicht minder ängstlich daneben.

Ich hingegen zeigte Haltung, plapperte ein wenig zur Unterhaltung der Anwesenden und erntete allgemeines Wohlwollen. Leider war meine Chefin nicht so clever. Wie ein nasser Socken hing sie mit glasigen, von Angst geweiteten Augen neben mir. Die Frau, die ohne Bedenken ein ganzes Leben ändert der Liebe wegen, alles was sie kennt, aufgibt und von vorne anfängt, murmelte Stossgebete und krampfte ihre Hände zusammen vor Angst. Wenn es um mich geht, wird sie immer weich wie Schokolade in der Sonne. Deswegen durfte sie nach kurzem Blick des Arztes auch nicht mit in den Behandlungsraum. Recht so! Kein Arzt kann gleichzeitig mich fachgerecht behandeln und eine ohnmächtige Person versorgen. Also zog ich mit ihm und der schäkernden Sprechstundenhilfe von dannen.

Ich wurde mit einem Handtuch und ohne die verhassten Handschuhe aus dem Bauer geklaubt, auf den Rücken gelegt und innerhalb von Sekunden hatte er mir, völlig schmerzlos, einen Reiskorngrossen Chip unter die Haut meiner Brust injiziert. Dann rief er meine Leibsklavin, um ihr mittels des Scanners zu zeigen, dass der Chip funktionierte und richtig saß. Als sie reinkam, sah sie lediglich einen gequälten Geier auf dem Rücken liegen, dem ein Blutstropfen auf der Brust glänzte und sie ächzte. Ich weiß, was ich ihr schuldig bin. Ich jammerte ein wenig. Der Arzt scheint sich auszukennen mit unsereiner.

"Nanu? Der ist ja sooo brav, kein Schreien, kein Beissen ... und jetzt, wo Sie reinkommen jammert er. Raus mit Ihnen!" So kann's gehen ...

Ich wurde, wieder zuhause, mit Kartoffelbrei und Soße gefüttert und gebührend bedauert. In dieser Nacht schlief sie sogar auf der Couch bei mir. Nicht zu fassen! – "Weiber"!! – wie mein geschätzter Freund und Kollege Bogi Reister aus Berlin sagen würde. Jetzt bin ich im Besitz eines wunderschönen, dunkelblauen Passes mit silbernen Lettern in dem ein Foto von der Chefin mit mir prangt.    

Leute, es geht bald los!

Werde euch berichten, wie die Reise vonstatten ging, ob wir die Grenze wohl trotz VG passieren konnten und wie die neue Heimat sich gestaltet. Möglicherweise gibt's ja 'ne große Voliere für mich? Und massenhaft frisches Futter und Gemüse, das es hier in Spanien gar nicht gibt? Aufregend wird es sicher.

So, muss meine Reisekoffer mit Monogramm bei Luis Vuitton bestellen ... auf bald ... Servus.

Euer Bubi

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